(ausgearbeitet von Tierzuchtdirektor Dr. Josef A. Lederer)

Ausgangssituation:
Mit der Anerkennung der Pinzgauer Rinder als gefährdete Haustierrasse durch die EU und der damit verbundenen Förderung
im Rahmen des ÖPUL ist das Zuchtprogramm wieder auf Reinzucht ausgerichtet. Betriebe, die sich nicht oder nur im begrenzten Umfang an diesem Erhaltungsprogramm beteiligen, setzen Red-Holstein Stiere in der Gebrauchskreuzung ein. Dadurch entwickelt sich neben der Reinzuchtpopulation eine heterogenen Kreuzungspopulation, die für ein Zuchtprogramm nur be-
grenzt nutzbar gemacht werden kann. Die Testung von Jungstieren in derartigen Populationen liefert nur bedingt aussagefähige und allgemeingültige Ergebnisse, da diese durch sogenannte Passereffekte mehr oder weniger stark verzerrt sein können.


Populationsstruktur:
Einschließlich der benachbarten Zuchtgebiete in Bayern und Südtirol werden zur Zeit in rund 1.400 Betrieben ca. 16.800 deckfähige Rinder gehalten, die unter Leistungskontrolle stehen. Davon sind ca. 5.500 reine Pinzgauer. Bei einem Besam-
ungsanteil von 62 % umfasst die aktive Population in der Reinzucht 3.500 weibliche Tiere, die für ein Besamungszuchtpro-
gramm zur Verfügung stehen.


Ablauf eines der Populationsstruktur angepaßten Zuchtprogrammes:


Gezielte Paarung:

50 Stiermütter:
Selektionskriterien:

- Abstammung 2 Generationen
- 6,25 % RF-Anteil
- Milchwert 115
- sonstige Bedingungen für Stiermütter erfüllt
- Nutzung der Kuh zum frühestmöglichem Zeitpunkt nach Vorliegen der Zuchtwertschätzung

3 Stierväter
- die jeweils besten eines Jahrganges nach Milchwert unter Berücksichtigung der Linienvielfalt.

Die Auswahl der Stiermütter erfolgt durch eine Kommission, bestehend aus zwei dafür gewählten Züchtern und dem Geschäftsführer des Verbandes bzw. einem von ihm beauftragten Mitarbeiter. Diese Kommission legt auch die Anpaarung fest,
die für den Züchter bindend ist. Der Züchter verpflichtet sich vertraglich, falls ein männliches Kalb aus dieser Anpaarung ge-boren wird, dieses für die Eigenleistungsprüfung zur Verfügung zu stellen.


Eigenleistungsprüfung der Jungstiere:
- 15 Kälber aus gezielter Anpaarung
- Alter bei Prüfungsende: 14 Monate


Selektion der Jungstiere für den Einsatz in der künstlichen Besamung:

8 Jungstiere aus jedem Eigenleistungsprüfjahrgang:
Selektionskriterien:

- tägliche Zunahmen
- Bemuskelung
- Exterieur


Einsatz der Jungstiere:

- 350 Erstbesamungen pro Stier in der Reinzuchtpopulation - obligatorisch
- 550 Erstbesamungen pro Stier in der Kreuzungspopulation - bei Bedarf
- 1000 Erstbesamungen pro Stier in der Landeszucht

- 1900 Erstbesamungen insgesamt pro Stier

Die Einsatzdauer eines Jungstieres ist auf ein Jahr beschränkt. Mindestens 80 % der Reinzuchtpopulation muss mit Jungstie-
ren besamt werden. Für die Landeszucht stehen nur Jungstiere für die künstliche Besamung zur Verfügung.


Nachkommensprüfung der KB-Stiere:

Milchleistung:
- ~30 Töchter in der Reinzuchtpopulation
Exterieurbeurteilung:
- lineare Bewertung von mindestens 20 Töchtern in der Reinzuchtpopulation
Fleischleistungsprüfung:
- Kombination von Feld- und Stationsprüfung
Funktionale Merkmale:
- Nutzungsdauer
- Fruchtbarkeit
- Schwergeburtenrate
- Melkbarkeit


Selektion der KB-Stiere für den Zweiteinsatz:

3 der 8 geprüften Stiere werden für den Zweiteinsatz selektiert und freigegeben.
Selektionskriterien:
- Gesamtergebnis aus der Nachkommenschaftsprüfung
- Erhaltung der genetischen Vielfalt (Linienvielfalt)


Einsatz der geprüften KB-Stiere:

20 % der Reinzucht- und Kreuzungspopulation können mit geprüften Stieren besamt werden. Für die selektierten 50 Stier-
mütter wird von der Zuchtleitung der Anpaarungsstier festgelegt. Der Einsatz pro geprüftem Stier beschränkt sich somit auf
die folgenden maximalen Anzahlen an Erstbesamungen:

- 240 Erstbesamungen pro Stier in der Reinzuchtpopulation
- 460 Erstbesamungen pro Stier in der Kreuzungspopulation

- 700 Erstbesamungen pro Stier insgesamt

Der Einsatz der geprüften KB-Stiere wird über Berechtigungsscheine gesteuert, um sicherzustellen, dass nicht mehr als
20% der deckfähigen Rinder einer Herde (einschließlich Stiermütter) damit besamt werden.


Erfolgsaussichten:

Neben der vorgegebenen erblich bedingten Variation der Leistungsmerkmale hängt der Erfolg eines Zuchtprogramms von
der
Genauigkeit der Zuchtwertschätzung (r²TI)
Selektionsintensität (i)
Länge des Generationsintervalls (L) ab.


Unter Praxisbedingungen wird in der der theoretisch mögliche Zuchtfortschritt (AG) nicht erreicht. Grund dafür ist, dass die
im Zuchtprogramm festgelegten Rahmenbedingungen und Abläufe nicht konsequent eingehalten und durchgeführt werden. Es kann somit erwartet werden, dass bei konsequenter Durchführung des Zuchtprogramms der Zuchtfortschritt bezogen auf
die Milchleistung rund 35 kg/Kuh und Jahr betragen wird. Die einzelnen Selektionspfade leisten folgende Beiträge zum Gesamtfortschritt

Pfad
abs.
in %
VJS
0,0318
31,7
VJT
0,0064
6,4
MJS
0,462
46,1
MJT
0,0159
15,8

Die Stierväter (31,7%) und ganz besonders die Stiermütter (46,1 %) leisten den entscheidenden Beitrag zum Zuchtfortschritt. Der erwartete Erfolg kann somit nur realisiert werden, wenn die Auswahl der Stiermütter und Stierväter entsprechend sorgfältig erfolgt.